Einer der letzten Überlebenden der klassischen Ära des Chicago Blues meldet sich mal wieder zu Wort und legt wie nebenbei eine der Bluesplatten des Jahres vor.
| Charlie Musselwhite – The Well |
Wir können wirklich dankbar sein, dass Musselwhite vor über zwanzig Jahren wegen eines Gelübdes, das er im Titelstück schildert, das Trinken aufgab – dankbar dafür, dass er uns auf diese Weise erhalten blieb, und dankbar dafür, dass einer, der ganz nebenbei auch mehr als nur einmal gesiebte Luft geatmet hat, wahrlich genügend erlebt hat, worüber er singen kann. Dass seine Mutter vor fünf Jahren ermordet wurde, hätte es nicht gebraucht – aber wenigstens kann er ihr in einem Song ein Denkmal setzten („Sad And Beautiful World“, ein Duett mit Mavis Staples). Kein Wunder, dass man Musselwhite (ich denke da an das Cover einer Vanguard-Platte aus den Sechzigern) kaum noch wiedererkennt.
Aber was macht das schon? Der Mann singt voller Autorität Songs, die das Leben schrieb, und er bläst seine Blues Harp genauso leidenschaftlich wie seine schwarzen Vorgänger, die vor einem halben Jahrhundert für die Gebrüder Chess in Chicago aufnahmen. Dass The Well in Kalifornien produziert wurde, spielt keine Rolle: Musselwhites Jugend im Staate Mississippi (dessen Mündungsgebiet dem Delta Blues seinen Namen gab) hat ihn so bis ins Mark geprägt, dass er seine Musik ebenso gut in Forschungsstationen am Nordpol, am Meeresboden oder in der Erdumlaufbahn unter Schwerelosigkeit machen könnte, ohne an Authentizität einzubüßen. Solche menschenfeindlichen Orte würden ihn wahrscheinlich sogar inspirieren.
| Charlie Musselwhite – The Well |
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| Alligator ALCD 4939 (Vertrieb: In-akustik) |
| Spieldauer: 47:43 |











